Das Jubiläum wurde am 17. September im DRK-Generalsekretariat in Berlin gefeiert. Gäste aus dem Deutschen Roten Kreuz blickten gemeinsam auf fünf Jahrzehnte zurück, erzählten von außergewöhnlichen Einsätzen und sprachen darüber, wie sich der Flugdienst verändert hat und welche Aufgaben vor ihm liegen.
DRK-Generalsekretär Christian Reuter begrüßte die Gäste im „Mutterhaus und der zentralen Anlaufstelle für die Mitgliedsverbände und die Einrichtungen und Organisationen im Deutschen Roten Kreuz“ und betonte die Bedeutung des Jubiläums. Anschließend schlug DRK-Präsident Hermann Gröhe die Brücke zum Grundgedanken der Rotkreuzarbeit: „Wir lassen Menschen nicht allein, wir stehen füreinander ein.“
Gerade wenn Menschen weit entfernt von ihrer Heimat in medizinische Not geraten, werde dieser Gedanke besonders konkret. Dann brauche es mehr als einen guten Rat, so Gröhe. Es brauche medizinische Expertise, Erfahrung und Organisation, vor allem aber Menschen, die handeln. „Genau dafür steht der DRK-Flugdienst.“
Von der Idee zum weltweiten Rückholdienst
Die Geschichte des DRK Flugdienstes beginnt 1976. Fernreisen wurden zunehmend erschwinglich, gleichzeitig unterschieden sich die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten in vielen Reiseländern deutlich von den Standards in Deutschland. Für Mitglieder des Deutschen Roten Kreuzes entstand damit ein konkreter Bedarf: Wenn sie im Ausland schwer erkrankten oder verunglückten, sollten sie medizinisch sicher nach Hause gebracht werden können.
Der Flugdienst wurde 1976 als Eigenbetrieb des DRK-Generalsekretariats gegründet. Dahinter stand ein solidarisches Prinzip: Menschen unterstützen mit ihrer Mitgliedschaft die Arbeit des Roten Kreuzes. Wenn sie selbst in medizinische Not geraten, hilft das DRK.
Wie sich diese Aufgabe in den vergangenen fünf Jahrzehnten entwickelt hat, zeigte eine Talkrunde mit Sebastian Pohl, Geschäftsführer des DRK Flugdienstes, Petra Coenen, Prokuristin und kaufmännische Leiterin des DRK Flugdienstes, und Michael Schmuck, Aufsichtsratsvorsitzender des DRK Flugdienstes. Pohl blickte dabei auf die Anfänge zurück. Mit der zunehmenden Verbreitung von Fernreisen sei auch die Zahl der Menschen gestiegen, die medizinische Hilfe weit entfernt von Deutschland benötigten. Die Rückholung von Menschen in medizinischer Not habe dabei von Beginn an gut zum humanitären Auftrag des Roten Kreuzes gepasst.
Gleichzeitig ist der Flugdienst heute weit mehr als ein klassischer Rückholdienst. Neue Leistungen kamen hinzu, Prozesse wurden professionalisiert und die medizinische und organisatorische Infrastruktur weiterentwickelt.
Eine Landung, die Geschichte schrieb
Dr. Wolfgang Pinter, ein langjähriger medizinischer Wegbegleiter des DRK Flugdienstes, erinnerte im Interview mit Andreas Brockmann an eine seiner ersten Einsatzerfahrungen. In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1992 war er an einem Rückholflug aus der Türkei beteiligt. Ein DRK-Mitglied musste nach einer schweren Magenblutung dringend nach Deutschland zurückgebracht werden.
Der Rückflug verzögerte sich. Als das Flugzeug schließlich München erreichte, war der alte Flughafen München-Riem bereits geschlossen. Der neue Flughafen München im Erdinger Moos sollte offiziell erst um 8 Uhr seinen Betrieb aufnehmen. Es war 4:44 Uhr.
Wegen des medizinischen Notfalls wurde eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Der DRK-Learjet landete um 4:44 Uhr auf dem damals noch nicht offiziell eröffneten Flughafen. Der Patient wurde anschließend zur weiteren Behandlung in das Klinikum Freising gebracht. Für Pinter wurde dieser Einsatz zu einem Beispiel dafür, was „Hilfe nach dem Maß der Not“ konkret bedeutet: „Das Wohl des Patienten stand im Vordergrund.“
Sein Fazit nach vielen Jahren im Flugdienst: „Manchmal schreibt der Flugdienst dann wirklich Geschichte(n).“
Eine andere Geschichte aus der langjährigen Tätigkeit Pinter zeigt, wie wichtig neben medizinischem Wissen auch Erfahrung, Risikobewertung und Improvisation sein können. Bei einem Rückholflug aus Afrika geriet ein Ambulanzflugzeug in großer Höhe in einen schweren Hagelsturm. Das Flugzeug wurde beschädigt; unter anderem wies die Radarnase zwei Löcher auf. Eine reguläre Wartungsmöglichkeit gab es auf dem abgelegenen Flughafen nicht.
Die Lösung war ebenso ungewöhnlich wie pragmatisch: Mit mehreren Rollen Leukoplast wurde die beschädigte Radarnase notdürftig abgedichtet. Der Flug konnte fortgesetzt werden, der Patient erreichte sicher Deutschland. Für Pinter wurde der Einsatz zum Sinnbild für das Zusammenspiel von Cockpit, medizinischer Crew und organisatorischer Verantwortung.
2004: Ein entscheidender Wendepunkt
Eine zentrale Phase in der Geschichte des Flugdienstes begann Anfang der 2000er-Jahre. Das DRK-Generalsekretariat wollte den Flugdienst nicht mehr selbst unternehmerisch betreiben und schrieb die Aufgabe aus. Mehrere Landesverbände bewarben sich. Den Zuschlag erhielt der DRK Landesverband Nordrhein. 2004 übernahm der Landesverband Nordrhein den Flugdienst vom Bundesverband und damit die Aufgaben für das gesamte Deutsche Rote Kreuz bundesweit. DRK-Präsident Hermann Gröhe würdigte beim Jubiläum ausdrücklich die Bereitschaft Nordrhein, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu gehen.
Günther Neuses, damals Landesgeschäftsführer des DRK Landesverbandes Nordrhein, war an dieser Entwicklung unmittelbar beteiligt. Im Gespräch beim Jubiläum erinnerte er an die schwierige Situation. Die medizinische Expertise und das Engagement seien vorhanden gewesen, die veränderten wirtschaftlichen Anforderungen hätten jedoch eine andere Form der Steuerung verlangt.
Nordrhein überzeugte mit einem unternehmerischen und operativen Konzept. Dazu gehörten Gespräche mit Kreisverbänden, Landesverbänden sowie Vertreterinnen und Vertretern von Haupt- und Ehrenamt. Neuses beschrieb die Herausforderung als Verbindung zweier scheinbar unterschiedlicher Anforderungen: „Hilfe nach dem Maß der Not“ sollte mit modernem Management und unternehmerischem Handeln verbunden werden, ohne dass das eine zulasten des anderen geht.
Aus dem Flugdienst wird ein modernes Angebot
Nach der Übernahme entwickelte sich der Flugdienst weiter. Andreas Speich, der den Flugdienst über rund 25 Jahre begleitete und viele Jahre als Geschäftsführer tätig war, schilderte in einem Videointerview die Entwicklung. Neue Leistungen wurden geschaffen, die Rückholgarantie verbessert und zusätzliche Angebote wie telemedizinische Beratung und Dolmetscherdienste entwickelt. Gleichzeitig professionalisierte sich die Organisation weiter. Heute arbeitet der Flugdienst mit einem rund um die Uhr besetzten Medical Operations Center und einem weit verzweigten Netzwerk aus medizinischen, logistischen und organisatorischen Partnern.
Der Flugdienst entwickelte sich dabei zunehmend zu einem modernen Anbieter. Speich betonte zugleich, dass sich trotz aller wirtschaftlichen und organisatorischen Veränderungen eines nicht geändert habe: Der Patient stehe im Mittelpunkt. Entscheidungen würden deshalb nicht allein nach Kosten oder Geschwindigkeit getroffen. Entscheidend sei die medizinisch und menschlich richtige Lösung.
Ein Patient, viele Helfende
Wie dieses Prinzip im konkreten Fall aussieht, wurde beim Jubiläum am Beispiel von Karl-Heinz Dullinger deutlich. Der 77-Jährige war während eines Aufenthalts auf Mallorca schwer am Knie verletzt worden. Nach seiner Behandlung vor Ort stellte sich die Frage, wie er sicher nach Deutschland zurückkehren konnte.
Im Interview für den DRK Flugdienst schilderte Dullinger, wie der Kontakt mit dem Medical Operations Center verlief. Die Ärzte des Flugdienstes nahmen Kontakt mit der behandelnden Klinik auf, bewerteten die Situation und entschieden schließlich, dass eine Rückholung medizinisch sinnvoll war. Anschließend wurde die gesamte Rückreise organisiert.
Für Dullinger bedeutete das vor allem Sicherheit. Die medizinische Betreuung, die Vorbereitung des Transports und die Kommunikation mit den Beteiligten vermittelten ihm das Gefühl, auch weit entfernt von zu Hause gut aufgehoben zu sein. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er von einem medizinischen Team weitertransportiert und in eine Klinik in Forchheim gebracht.
Sein persönliches Fazit fällt entsprechend eindeutig aus: „Besonders dankbar bin ich für diese Hilfe, vor allen Dingen auch für die Professionalität.“
Wenn viele Zahnräder ineinandergreifen
Dullingers Rückholung zeigt zugleich, wie viel hinter einem solchen Transport steckt. Bei der Talkrunde mit Moderatorin Syra Feiser schilderten Sabrina Mertz und Christian Holzmann vom BRK-Kreisverband Forchheim gemeinsam mit Nadine Stollenwerk, Leiterin des Medical Operations Center und der Geschäftsfeldentwicklung beim DRK Flugdienst, die verschiedenen Perspektiven.
Denn am Ende sieht man meist nur den Moment, in dem ein Patient sicher zu Hause angekommen ist. Bis dahin müssen zahlreiche Beteiligte zusammenarbeiten: das behandelnde Krankenhaus im Ausland, Ärzte, Transportunternehmen, Ambulanzflugunternehmen, der Flugdienst und der Kreisverband. Hinzu kommen die ehrenamtlichen Kräfte vor Ort.
Nadine Stollenwerk beschrieb das Medical Operations Center dabei als zentrale Schnittstelle, in der die verschiedenen Beteiligten zusammengeführt werden. Viele „Zahnrädchen“ müssten ineinandergreifen, damit am Ende alles funktioniert.
Auch für den Kreisverband ist eine Rückholung weit mehr als ein organisatorischer Vorgang. Bei Dullingers Rückholung wurde deutlich, wie Haupt- und Ehrenamt, Kreisverband und Flugdienst zusammenarbeiten. Ehrenamtliche Kräfte aus Forchheim waren an der Abholung beteiligt und sorgten dafür, dass der Patient auch auf den letzten Abschnitten seiner Reise medizinisch begleitet werden konnte.
Für Dullinger endete die Geschichte nicht mit seiner Ankunft in Forchheim. Seine positive Erfahrung mit dem Roten Kreuz führte dazu, dass er selbst zum Botschafter für die Organisation wurde. Er wirbt heute in seinem persönlichen Umfeld für das DRK, seine Tochter und Schwiegertochter engagieren sich inzwischen ehrenamtlich. Auch seine eigene Unterstützung für das Rote Kreuz hat er verstärkt.
Damit zeigt sich eine weitere Dimension des Flugdienstes: Die konkrete Hilfe kann Vertrauen schaffen und Menschen noch stärker mit dem Roten Kreuz verbinden.
Die nächsten 50 Jahre
Wie der Flugdienst in Zukunft aussehen wird, lässt sich heute nur teilweise absehen. Sicher ist jedoch: Die Rahmenbedingungen verändern sich. Reiseverhalten, internationale Krisen, Pandemien und politische Entwicklungen beeinflussen auch die Arbeit des Medical Operations Centers.
Gleichzeitig eröffnen Digitalisierung, Telemedizin und künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten. Prozesse können schneller und effizienter werden, Informationen lassen sich digital verfügbar machen und medizinische Entscheidungen können unterstützt werden.
Doch bei aller technischen Entwicklung bleibt eine Konstante bestehen: Am anderen Ende der Leitung steht ein Mensch. Einer, der zuhört, medizinische Informationen einordnet, Verantwortung übernimmt und gemeinsam mit anderen eine Lösung für einen Menschen in einer außergewöhnlichen Situation findet.
50 Jahre DRK Flugdienst sind deshalb nicht nur eine Geschichte von Ambulanzflugzeugen, medizinischen Einsätzen und organisatorischer Entwicklung. Es ist vor allem eine Geschichte von Menschen: von Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten, Pilotinnen und Piloten, Koordinatorinnen und Koordinatoren, haupt- und ehrenamtlichen Rotkreuzlerinnen und Rotkreuzlern.
Oder, um es mit Hermann Gröhes Worten zu sagen: „Wir lassen Menschen nicht allein, wir stehen füreinander ein.“
Seit 1976 gilt dieser Gedanke auch dann, wenn zwischen einem Menschen in Not und seinem Zuhause tausende Kilometer liegen. Und genau deshalb hat der DRK Flugdienst auch nach 50 Jahren noch eine Aufgabe, die weit über den eigentlichen Rücktransport hinausgeht: Menschen sicher nach Hause zu bringen und ihnen in einer schwierigen Situation das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.
Weitere Informationen zum DRK Flugdienst:
YouTube-Video: Verunfallt im Urlaub: DRK Flugdienst holt Mitglied aus Palma de Mallorca zurück!












