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  1. 6. Ein Corona-Jahr

6. Ein Corona-Jahr

FSJlerin Jana

Corona bedeutet für viele im Moment eine ständige begleitende Angst, wenig menschlichen Kontakt, wenig körperliche Berührung und ein ständiges Festsitzen vor dem Bildschirm. Außerdem kommen für viele dann noch wirtschaftliche Sorgen dazu: die Angst den Job zu verlieren, Geldsorgen oder sogar Angst um den eigenen Betrieb. Das alles beschreibt einfach den unglaublichen Druck unter den die meisten von uns zu Zeiten der Corona-Pandemie stehen. Der entstehende psychische Stress lässt sich nur schwer abbauen, weshalb sich Symptome wie Depressionen, verschiedenste Angststörungen (wie Panikattacken) oder Aggressionen bei vielen verschlimmern oder erstmals auftreten.

Momentan wird in den Nachrichten im Kontext von Corona natürlich besonders viel von den akut durch Corona Benachteiligten berichtet. Das bedeutet von den Problemen der Corona-Risikogruppen: den Pflegekräften und Selbstständigen. Das ist auch gut und absolut gerechtfertigt, da dies nun einmal die Personengruppen unserer Gesellschaft sind, die im Moment nun einmal unglaublich unter Druck stehen. Allerdings haben Amelie und ich das Gefühl, dass die Auswirkungen der Pandemie auf die jungen Generationen oft unterschätzt werden. Uns geht es dabei auf keinen Fall darum, mit dem Vergleichen und gegeneinander Auf- oder Abwerten zu beginnen. Wir wollen nicht darüber diskutieren, wen es jetzt schlimmer oder mehr trifft. Wer am stärksten leidet oder wer härter gefordert wird. Wir merken in letzter Zeit nur immer mehr, wie auch wir unter der momentanen Situation leiden und erkennen zunehmend, wie groß die Belastung der Auswirkungen der Pandemie für uns sind.

Wenn wir zum Beispiel an unsere Abi-Zeit letztes Jahr zurück denken, verstehen wir immer mehr, wie groß für uns nicht nur der enorme Lern- und Prüfungsdruck, sondern auch die zusätzliche Belastung der beginnenden Corona Pandemie war. Die ständige (und tatsächlich nicht gerade unwahrscheinliche) Möglichkeit, die Prüfungen könnten doch abgesagt werden und die allgegenwärtige Angst vor dem noch neuen Virus lastete dann doch ziemlich schwer auf uns. Vor unserer Schule wartete zum Beispiel nach einigen Prüfungen die Polizei, um uns bloß voneinander fern zu halten. Und von Freunden erfuhr ich, dass die mündlichen Prüfungen in der deutschen Schule in Istanbul abgesagt wurden. Im Nachhinein denke ich, dass genau diese Umstände die sowieso bereits große Gesamtbelastung vieler Abiturienten noch um einiges verstärkten. Ich weiß von vielen Schülern, die mitten in den Prüfungen in Tränen ausbrachen oder in der Vorbereitungszeit mit Panikattacken und Schlafstörungen zu kämpfen hatten.

Amelie und ich waren dann unglaublich erleichtert über den Sommer 2020, der schließlich einige Lockerungen mit sich brachte. Wir beide genossen diese Zeit und tankten noch einmal ein wenig Zuversicht und Normalität. Während den langsam wieder ansteigenden Infektionszahlen, begann dann unser FSJ unter einigermaßen normalen Bedingungen. Bis in den Oktober hinein lernten und erlebten wir unglaublich viel: Wir sammelten so ziemlich das erste Mal in unserem Leben „Nicht-Schule-Erfahrungen“. Doch bereits Mitte Oktober verlegte sich unser FSJ dann ins Home-Office, hinter Bildschirm und Telefon. Darüber waren wir natürlich auch ziemlich froh, schließlich stellte unser Arbeitsweg und die Zeit im Büro oder mit Zeitzeugen ein Infektionsrisiko dar, welches nicht nur uns, sondern indirekt auch unsere Kontaktpersonen betraf. Außerdem waren wir uns dessen bewusst, dass allein die Möglichkeit von zu Hause arbeiten zu können ein Privileg war und ist, welches nicht jeder besitzt. Ich zum Beispiel nutzte es, um wieder nach Hause zu meiner Familie zu fahren, von wo ich seitdem arbeite.

Aber natürlich wird diese Situation mit der Zeit auch frustrierend. Amelie und ich sind 18 und 19 Jahre alt. Beide also in einem Alter, in dem wir uns unseren Alltag wirklich anders vorgestellt hätten. Ich werde zum Beispiel in ein paar Monaten sagen können (oder müssen), dass ich mein gesamtes 18. Lebensjahr grob gesagt zu Hause vor dem Bildschirm verbracht habe. Wir sitzen seit einem Jahr irgendwie fest. Und das ist wirklich frustrierend. Nicht nur für uns, sondern für viele junge Leute.

Jeden Tag sitzen Amelie und ich für 8 Stunden in unserem Zimmer und kommen nicht mehr so richtig raus. Auch Kollegen, Vorgesetzte und Interviewpartner treffen wir nur noch digital oder über das Telefon. Und das für ein FSJ, das wir in der Erwartung begonnen haben, viel zu Reisen und viele verschiedene Leute mit ihren Lebensgeschichten auch persönlich kennen zu lernen. Wir verstehen natürlich, dass daran niemand Schuld hat und wie wichtig Social Distancing zu Zeiten dieser Pandemie nun einmal ist. Trotzdem beobachten wir beide, wie uns die Situation zunehmend schwer fällt.

Ich denke, dass das Verständnis und die Bereitschaft sich zurückzuhalten, bei dem Großteil der Leute in unserem Alter da ist, die Frustration aber wächst. Ist das Bedürfnis nach vielen menschlichen Kontakten und Beziehungen nicht gerade in unserem Alter enorm aber nun einmal natürlich? Wie haben Sie Ihre Jugendzeit in Erinnerung? Und können Sie sich vorstellen, wie es damals für Sie unter ähnlichen Bedingungen gewesen wäre?

Eine beeindruckende Lebensgeschichte

In dieser zunehmend deprimierenden Situation war ich unglaublich glücklich über ein Erlebnis, was es auf jeden Fall geschafft hat, mich für kurze Zeit von all den negativen Nachrichten bezüglich der Pandemie abzulenken. Und zwar war das ein Interview. Ich hatte das Interview mit Anas Alakkad, einem Zeitzeugen aus dem Saarland. Er ist 2015 vor dem Krieg in Syrien geflohen und hat generell eine unglaublich beeindruckende Lebensgeschichte.

Wer ist Anas Alakkad?

Anas hat mir viel von seiner Jugend in Syrien und seinem Studium im Libanon erzählt. Schon dort ist er dem Roten Kreuz beigetreten und war begeistert von dessen Grundsätzen. In diesem Video stellt sich Anas vor und erzählt von seinem Leben in Deutschland, seinem Eintritt ins DRK und von einigen anderen Projekten, die er hier gestartet hat.

Das Interview

Was mich, glaube ich, an seinem Interview so beeindruckt hat, war nicht nur seine Flucht nach Deutschland, sondern noch viel mehr diese riesige Lebensfreude und der Tatendrang, der aus jedem seiner Erzählungen sprach. Ich hatte das Gefühl, dass er richtig für die Rot-Kreuz-Grundsätze und einige ganz persönliche Prinzipien lebte und davon auch zu keinem Zeitpunkt bereit war abzuweichen. So begann er kurz nach seiner Ankunft in Deutschland, also kurz nach seiner tagelangen und physisch sowie psychisch unglaublich anstrengenden Flucht über die Türkei und Griechenland, direkt damit in seinem Flüchtlingsheim als Übersetzer, Berater und Kontaktperson für arabisch sprechende Minderjährige zu arbeiten. Später arbeitete er dann im Roten Kreuz als Rettungssanitäter und betätigt sich bis heute ehrenamtlich. Vor allem im Bereich Integration ist er tätig und hat zum Beispiel ein Online-Lernportal für arabisch sprechende Personen gegründet. All das, für was er sich einsetzt und mit dem er sich beschäftigt, aber vor allem aus welchen Gründen, hat mich extrem beeindruckt. So erzählte er mir zum Beispiel, dass er davon überzeugt sei, dass man Gutes tun muss, um auch Gutes zurückzubekommen. Und nach dieser Einstellung lebt er.

Gerade wegen solchen Erlebnissen bin ich und auch Amelie unglaublich glücklich, in diesem Projekt mitwirken zu dürfen. Corona macht es uns zwar manchmal wirklich schwer, jedoch sähe das auch in anderen FSJs, Ausbildungen oder einem Studium nicht anders aus. Eher noch finden wir, ist es ein Privileg, wie abwechslungs- und lehrreich unsere Arbeit ist und sind extrem dankbar dafür, dass das Projekt trotz der Pandemie weiterlaufen kann.